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Adelle Davis: Die Armen hatten es damals besser

 

Die B-Vitamine

 

Hier haben wir ein weiteres Kapitel aus dem Buch „Jeder kann gesund sein. Fit und vital durch richtige Ernährung“ von der Ernährungswissenschaftlerin Adelle Davis.

In dem nachstehenden achten Kapitel aus diesem Buch erfahren Sie, warum die B-Vitamine so wichtig für unseren Körper sind, wie sich Mangelzustände auf unseren Organismus auswirken und an welchen Symptomen Sie sie erkennen können:

 

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Kapitel 8: Die Armen hatten es damals besser - Die B-Vitamine

Es gibt 15 oder mehr B-Vitamine, aber diese sind in unserer modischen Nahrung so schlecht vertreten, dass fast jeder Mensch daran Mangel leidet. Dr. Norman Jolliffe hat gezeigt, dass vor nur wenigen Generationen gerade die Armen eine Nahrung erhielten, die reich an diesen Vitaminen war. Sie hatten es besser als die reichsten Menschen von heute.

Es gibt viele Gründe für diese drastische Verschlechterung. Früher lieferte jeder Bissen Brot, jedes Getreide und alles, was man aus diesem Getreide herstellte, B-Vitamine. Weil man Kühlschrank und Konserven noch nicht kannte und es nur wenig Obst und Gemüse gab, war Brot das Hauptnahrungsmittel. Im Jahre 1862 erfand man jedoch Maschinen, die das Getreide so stark ausmahlten (»raffinierten«), dass die meisten Nährstoffe verloren gingen. Früher war Melasse, die reich an bestimmten Vitamin-B-Arten ist, neben Honig das einzige Mittel, um Speisen zu süßen. Es gab keine raffinierten Nahrungsmittel und keine Süßigkeiten. Jetzt ist der Zuckerverbrauch enorm gestiegen, nachdem alle natürlichen Nährstoffe daraus verschwunden sind. Zucker stillt unseren Appetit sehr schnell und erhöht stark das Bedürfnis nach bestimmten B-Vitaminen. Während früher keine Nährstoffe verloren gingen, beziehen wir jetzt 2/3 unserer Kalorien aus Nahrungsmitteln, aus denen die ursprünglichen Nährstoffe größtenteils oder ganz verschwunden sind.

Darüber hinaus haben wir eine sitzende Lebensweise angenommen und essen daher im Vergleich mit unseren Großeltern wenig. Vor siebzig Jahren verbrauchten die Männer etwa 6000 bis 6500 Kalorien pro Tag, die Frauen 4000 bis 4500. Heute beträgt der Kalorienverbrauch bei Männern durchschnittlich 2400 bis 2800 und bei Frauen 1800 bis 2200 Kalorien. Während des ersten Weltkrieges zeigte sich, welche Vorteile der Verzehr von Vollkornbrot und Vollkornprodukten mit sich bringt. Als nämlich die dänische Regierung der Lebensmittelknappheit wegen verbot, die Getreide auszumahlen, besserte sich der Ernährungszustand der dänischen Bevölkerung so durchgreifend, dass die Sterblichkeitsziffer während des Krieges um 34 Prozent fiel. Krebs, Diabetes, hoher Blutdruck, Herz - und Nierenkrankheiten gingen deutlich zurück, und die Zeichen guter Gesundheit vermehrten sich. In England zeigte sich während und nach dem zweiten Weltkrieg eine ähnliche Erscheinung, als das Getreide nur grob ausgemahlen wurde. Obwohl es der englischen Ernährung an vielem mangelte, zeigten die Statistiken, dass die Gesundheit der Nation während dieser Zeit nicht gelitten hatte.

Weil jetzt unsere Brotarten aus hochraffinierten Mehlen hergestellt werden, ist unsere Nahrung kaum noch vitaminreich. Tatsächlich gibt es nur vier wirklich gute Quellen für die Vitamin-B Gruppe: Leber, Bierhefe, Weizenkeime und Reisfasern. Einige Nahrungsmittel enthalten ausreichende Mengen von einem oder zwei B-Vitaminen. Es ist jedoch nicht möglich, den täglichen Bedarf an der Gesamtheit der Vitamin-B-Gruppe daraus zu decken.

Eine Quelle von B-Vitaminen, die vielleicht wichtiger ist als irgendeine andere, stellen die Stoffwechselprodukte der Bakterienflora im Darm dar. Es ist jedoch schwer, den Ertrag dieser Quelle zu messen. Untersuchungen des Vitamin-B-Gehaltes im Blut und Urin von Versuchspersonen unter Vitamin-B-freier Diät haben ergeben, dass die Darmbakterien große Mengen von bestimmten B-Vitaminen erzeugen können. Sie verschwinden aus dem Blut und Urin, wenn diese Bakterien vernichtet werden. Aus noch unbekannten Gründen fand man jedoch bei anderen Personen, die ebenfalls eine Vitamin-B-freie Diät erhalten hatten, wenig oder keine B-Vitamine im Blut oder Urin.

Offensichtlich wachsen diese Bakterien am besten auf Milchzucker, und ohne Fett überhaupt nicht. Deswegen könnte eine Ernährungsweise ohne Milch und Fett gefährlich sein. Bei Behandlungen mit Sulfonamiden oder Antibiotika wie Streptomycin und Aureomycin werden diese lebensnotwendigen Bakterien gänzlich vernichtet. Nimmt man dann nicht Joghurt oder ähnliches, das das Wachstum der Darmbakterien fördert, mit der täglichen Nahrung zu sich, können bald Symptome eines mehrfachen Vitamin-B Mangels auftreten. Joghurt zu essen wird zuweilen als eine Modesache belächelt. Von der Türkei bis Lappland, von Island bis China hat man ihn jahrhundertlang gegessen. Eine Untersuchung, die Dr. Seneca[1] von der Medizinischen Fakultät der Columbia Universität durchführte, zeigte, dass nur Joghurtbakterien im Stuhl gefunden werden und keine anderen, wenn man über längere Zeit Joghurt isst.

Anscheinend braucht jede Körperzelle alle B-Vitamine. Wenn man zum Beispiel ein guternährtes Tier tötet und die verschiedenen Gewebe getrennt analysiert, sieht man, dass in allen Geweben diese Vitamine gleichmäßig verteilt sind. Wenn man dagegen den Tieren eine Mangeldiät gibt, sie tötet und die verschiedenen Gewebe untersucht, zeigt sich an jedem Gewebe der gleiche Mangel. Die meisten anderen Vitamine werden von den verschiedenen Geweben in unterschiedlicher Weise benötigt. Da nun die B-Vitamine für alle Zellarten gleichermaßen lebenswichtig sind, kann ein Mangel, wie Dr. Roger J. Williams[2] gezeigt hat, bereits ernste Schäden bewirken, bevor es überhaupt möglich ist, den Zustand zu erkennen. Der Schaden ist dennoch da. Es erkrankt nicht nur ein Organ, wie bei Vitamin-A-Mangel die Augen, sondern der ganze Körper ist bis zum vollständigen Zusammenbruch davon bedroht. Dieser generelle krankhafte Zustand ist beim Erwachsenen schwer zu erkennen, tritt jedoch beim Jugendlichen deutlich in Erscheinung, weil das Wachstum ernsthaft gestört ist.

Dr. Williams betonte auch, dass nur bei sehr hochgradigem Mangel eine Zellgruppe größere Schäden zeigt als eine andere. Wenn jemand sich nicht wohl fühlt, vermindert er automatisch seine Aktivität und nimmt sich vielleicht mehr Zeit zum Schlafen. Somit arbeiten seine Zellen weniger und brauchen weniger B-Vitamine. Das Herz jedoch arbeitet ununterbrochen von der Geburt bis zum Tode. Ist also der Mangelzustand schon überall vorgeschritten und hat jede Zelle bis zu diesem Augenblick den gleichen Schaden erlitten, so wird man doch die ersten Anzeichen eines Mangels am Herzen finden.

In zunehmendem Maße ist auch klargeworden, dass Mangelzustände an einzelnen Vertretern der Vitamin-B-Gruppe nicht vorkommen, ohne dass die Gesamtheit betroffen ist, da nämlich auch in der Nahrung grundsätzlich alle B-Vitamine zusammen vorkommen. Es gibt jedoch genauso viele verschiedene Stufen und Variationen des Vitamin-B-Mangels, wie es verschiedene Menschen gibt. Früher dachte man, dass die Beriberi-Krankheit durch einen Mangel an Vitamin B, und Pellagra durch einen solchen an dem B-Vitamin Niazin verursacht werde. Doch Versuchspersonen, die eine Kost ohne Vitamin B, einhielten, erkrankten weder an Beriberi noch an Pellagra. Diese Krankheiten entstehen in Wirklichkeit durch einen mehrfachen Mangel an allen B-Vitaminen. Der Mangel an Vitamin B, oder Niacin ist lediglich in diesem Fall vorherrschend.

Eine gewisse Kontrolle über Ihre Vitamin-B-Bilanz können Sie erreichen, wenn Sie Ihre Zunge betrachten.[3] Die Zunge soll mittelgroß, die Farbe überall gleichmäßig rosa, die Form ebenmäßig abgerundet, ohne Belag und ohne Eindellungen gegen die Zähne hin sein. Die Geschmacksknospen sollen überall gleich sein und die ganze Oberfläche und die Ränder bedecken. Wenn Sie ein gesundes Kind finden, dann können Sie sehen, wie eine normale Zunge aussehen sollte.

Bei unzureichender Vitamin-B-Versorgung weist die Zunge eine Reihe von Veränderungen auf. Die früheste Veränderung besteht offenbar in der Vergrößerung der Geschmacksknospen vorn und an den Rändern der Zunge. Später werden diese Knospen wieder klein und verschwinden oft ganz, wodurch die Spitze und die Ränder der Zunge glatt werden, während die weiter rückwärts gelegenen Geschmacksknospen langsam größer werden. Diese Knospen sehen flach aus, wie Champignons. Bei zunehmendem Vitamin-B-Mangel verschmelzen ganze Gruppen dieser Geschmacksknospen und wachsen zusammen. Sie lösen sich von anderen Gruppen und formen auf diese Weise Gräben oder Spalten. Die erste Spalte entsteht meist in der Mitte der Zunge. Bei einem schweren Vitamin-B-Mangel kann die Zunge so von Rinnen und Spalten durchzogen sein, dass sie aussieht wie eine Reliefkarte des Grand-Canyon mit dem umliegenden Land oder wie ein Beefsteak, das durch jene sinnreiche Maschine zum »Zartmachen« des Fleisches gedreht worden ist.

Wenn der Mangel noch größer wird, verschwinden die Geschmacksknospen buchstäblich. Zuerst werden Spitze und Ränder glatt und glänzend, dann verschwinden die Knospen von vorn nach hinten fortschreitend. Das voll ausgeprägte Bild findet man am häufigsten bei älteren Leuten, die jahrelang von einer unzulänglichen Ernährung gelebt haben. Diese Menschen klagen darüber, dass ihr Essen wenig Geschmack hat. Manchmal ist die Zunge wund und schmerzhaft. Manchmal sind Menschen mit schweren Veränderungen überrascht, dass ihre Zunge nicht normal sein soll.

Auch die Größe der Zunge ist ein Hinweis auf Mangel an B-Vitaminen. Die Zunge kann groß sein, fleischig und wässrig aufgetrieben (ödematös). Oft sieht man bei einer derartigen Zunge Einkerbungen an den Seiten, wo sie an die Zähne stößt. Die fleischige Zunge wird so genannt, weil sie aussieht wie ein Stück rohes Rindfleisch, gewöhnlich ist sie tiefrot. Andererseits kann die Zunge zu klein werden oder atrophieren. Andere Zungen können einen purpurnen Farbton annehmen, wieder andere leuchtend rot. Oft zeigt die Zunge eine Kombination von Farben. Vielleicht hat sie eine hellrote Spitze und ist in der Mitte eher purpurfarben. Farbe und Struktur hängen davon ab, an welchen B-Vitaminen der Mangel am stärksten ausgeprägt ist.

Eine purpurrote Zunge (die Farbe, die man am häufigsten sieht) weist auf einen Mangel an Vitamin B2 hin, wobei dieser stärker ins Gewicht fällt als ein Defizit an anderen B-Komponenten. Die fleischige Zunge scheint auf einen Mangel an Pantothensäure hinzudeuten. Wenn das Defizit an Vitamin B12 und Folsäure im Vordergrund steht, wird die Zunge erdbeerrot und an der Spitze und an den Seiten weich. Oft ist sie glänzend und glatt. Bei Ausfall des B-Vitamins Niacin ist die Zunge an der Spitze hellrot und entweder zu klein oder zu groß und so belegt, dass die Oberfläche wie mit Flocken bedeckt aussieht. Der starke Belag entsteht durch das Wachstum unerwünschter Bakterien, ein Zeichen für Fäulnisprozesse im Dünndarm. Da gutartige Bakterien B-Vitamine im Darm produzieren, kommt es nicht zu derartigen Belägen, solange das Wachstum dieser Bakterien normal ist. Ich fragte einen Professor der Medizin, ob er es für angebracht halte, in diesem Buch auch krankhafte, veränderte Zungen zu beschreiben. Ich hatte Angst, dass die Leute sich ihrer Zunge wegen zu viele Sorgen machen würden. Zu meinem Erstaunen antwortete er: »Ich würde es unterlassen; man sieht sie ja sowieso nie.« Er sieht sie nicht, weil er Forscher ist. Ich habe Hunderte von Zungen gesehen und in zwei Jahren nur drei normale Zungen gefunden. Ich lächele jedesmal noch darüber, wenn ich an einen bestimmten Vorfall zurückdenke. Als ich vor einer kleinen Gruppe einen Vortrag hielt und man mich bat, die Zungen von allen Anwesenden zu untersuchen, war nicht eine einzige normale Zunge dabei. Die Gruppe saß da wie ein Rudel lechzender Hunde und wunderte sich über die gegenseitigen Mangelerscheinungen. Ernährt man sich jedoch angemessen, wird die Zunge allmählich wieder normal, wobei die für die Heilung benötigte Zeit vom Schweregrad des Mangels und von der Vollständigkeit der Vitaminaufnahme abhängt.

Untersuchungen zeigen, dass 60 bis 100 Prozent aller Leute mit schweren Zungenveränderungen nicht imstande sind, genügend Salzsäure in ihrem Magen zu produzieren. Die Abgabe von Verdauungsenzymen liegt bei ihnen weit unter normal. In solchen Fällen ist die Verdauung so stark gestört, dass Blähungen, Durchfälle und Übelkeit auftreten, wenn nicht zeitweilig Salzsäure und Verdauungsenzyme eingenommen werden. Ist Ihre Verdauung tatsächlich so schlecht, dass Sie Blähungen bekommen, wenn Sie Ihrer Nahrung Vitamin-B-reiche Nahrungsmittel zufügen, dann können Sie sicher sein, dass ein Mangel an diesen Vitaminen besteht.

Alle B-Vitamine sind wasserlöslich und können deswegen nicht im Körper gespeichert werden. Doch so wie ein Schwamm leicht feucht oder tropfnass sein kann, so können die Zellen auch wenig oder viel von allen B-Vitaminen festhalten; je nachdem, wie groß das Angebot ist. Ideal für die Gesundheit ist es, wenn das Vitamin-B-Angebot so reichlich ist, dass jede Zelle so viel aufnehmen kann, wie sie vorteilhaft zu verwerten vermag. Alle nicht verwendeten B-Vitamine werden im Urin ausgeschieden.

Anscheinend arbeiten alle B-Vitamine zusammen. Diese Zusammenarbeit nennt man die »Synergistische Aktion« der B-Vitamine. Nimmt man nur ein oder zwei B-Vitamine zu sich, steigert sich das Bedürfnis nach den anderen, die man nicht zugeführt hat. Wahrscheinlich deshalb, weil jedes einzelne B-Vitamin die Aktivität jeder Körperzelle steigern kann. Die ganze Gruppe ist komplett nur in Leber, Hefe und Weizenkeimen enthalten.

Es ist unrealistisch, den Mangel an einzelnen B-Vitaminen getrennt zu behandeln. Isolierte Mangelzustände bestehen nur im Versuchslabor. Der Mangel an einem einzelnen B-Vitamin kann jedoch das Krankheitsbild beherrschen. Wenn man die ersten Zeichen eines solchen Mangels bemerkt, kann dies als Warnung dienen. Wenn Sie Ihre Nahrung dann nicht anreichern, werden Sie mit ernsten Gesundheitsstörungen zu rechnen haben.

 

[1] H: Seneca; E. Henderson and A. Collings, “Bactericidal Properties of Yogurt”, American Praktitioner and Digest of Treatment, I (1950), 1252

 

[2] R. J. Williams, „Chemistry and Biochemistry of Pantothenic Acid”, Advances in Enzymology, III (1943), 253

 

[3] Clinical Nutrition, ed. By  Norman Jolliffe, F.F. Tisdall and Paul R. Cannon (London: Harper and Row 1962)

 

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Unser Buchtipp zu diesem Thema:

Jeder kann gesund sein. Fit und vital durch richtige Ernährung

 

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